Baum des Jahres

Der Wildapfel – Baum des Jahres 2013

Überall stehen Apfelbäume, entlang von Straßen, von Wegen und Pfaden, als Einzelbäume im Feld oder in Streuobstwiesen, ob kleiner oder größer. Viele der Bäume sind richtige Individuen, bizarr und wild. Aber wirkliche Wildäpfel? Nein, die allermeisten Apfelbäume in der Landschaft sind Kultursorten, gezüchtet vom Menschen. Zwar zum Teil sehr alt und daher kulturhistorisch wertvoll, nur eben keine Wildäpfel. Richtige Wildäpfel zu finden, ist richtig schwer. Selbst wenn alle phänotypische Merkmale, etwa eine unbehaarte Blattrückseite oder auch die kleinen, sauren Äpfel der Wildform, auf einen Malus sylvestris hindeuten, lässt sich die Art nicht einwandfrei bestimmen. Zu groß sind die Verwechslungsmöglichkeiten, zu klein die Unterschiede zwischen alten Kultursorten und der Wildform. Letztendlich bringen nur Genanalysen Sicherheit. Umso verwunderlicher, dass sich die Wissenschaft noch streitet, ob unser Kulturapfel durch Selektion aus dem hier heimischen Wildapfel gezüchtet wurde. Auf Grund der kleinen Unterschiede sollte dies doch klar sein. Zwar ist es möglich und auch wahrscheinlich, dass unser Wildapfel zu den Ahnen der Kulturäpfel zählt, aber schlussendlich nicht bewiesen. Möglich wäre auch, dass der Asiatische Wildapfel, dem Malus sieversii, der Ursprung des Kulturapfels ist. Vielleicht findet sich auch etwas von beiden Arten in jedem Kulturapfel.


Das natürliche Verbreitungsgebiet des hiesigen Wildapfels, Malus sylvestris (Holzapfel), ist der eurasische und submediterrane Raum. Wildäpfel finden sich überall zwischen Spanien und der Wolga, zwischen Griechenland und Irland; ein recht großes Verbreitungsgebiet also. Und doch sind Wildäpfel selten. Einerseits weil die Art von Natur aus eine recht kleine ökologische Nische besetzt. Als Halbschattenbaum mit vergleichsweise niedriger Höhe ist die Art auf lichte Laubholz – Bestände angewiesen, die im Optimalfall bestens mit Nährstoffen versorgt und eher warm sind. Anderseits ist der Wildapfel selten, weil der Mensch die Verbreitung der Kulturform förderte.


Kaum eine heimische Frucht besitzt so viel Symbolkraft wie der Apfel, auch wenn hier die Frucht der Kulturform ausschlaggebend ist. In der griechischen Mythologie gilt der Fruchtbarkeitsgott Dionysos als Schöpfer des Apfelbaumes. Er widmete ihn Aphrodite als Sinnbild ihrer Schönheit und Liebe. Auch für die Kelten stand der Apfel als Zeichen für Liebe, Jugendkraft und Fruchtbarkeit; bei den Germanen darüber hinaus für die Mutterbrust. Wieso der Apfel im Christentum in Zusammenhang mit der Sünde (Eva reichte Adam einen verbotenen Apfel) gebracht wird, also einen eher negatives Image bekam, lässt sich nur schwer erklären. Zumal der Apfel als Frucht sehr vielfältig genutzt werden kann und fast unersetzlich ist, seitdem die Römer das Wissen um die Nutzung, Züchtung und den Anbau der Kulturform in Europa etablierten. Der historischen Richtigkeit muss man jedoch erwähnen, dass nicht die Römer den „Apfel“ erfunden haben. Es wird vielmehr angenommen, dass das Wissen entlang der Seidenstraße zu uns kam. Wahrscheinlich nicht ganz zufällig liegt eine Stadt mit Namen „Vater der Äpfel“, also Alma-Ata (heute Almaty, die Hauptstadt von Kasachstan), an dieser wichtigen Handelsroute. In allen Turk-Sprachen, von Istanbul bis in die nordwestchinesische Provinz Qinghai, sowie im mongolischen Sprachstamm und dem Ungarischen bedeutet „Alma“ Apfel.


Ökologisch sind Wildäpfel von unschätzbarem Wert, gerade weil sie so selten sind. Umso wichtiger, dass wir dieser Baumart unsere Aufmerksamkeit schenken. Besonders in einem Jahr, in dem die Art zum Baum des Jahres gekürt wurde. Es wäre aber schade, wenn dies ein Strohfeuer bliebe, das nur kurz flackert und schnell wieder erlischt. Ihr persönlicher Beitrag zu einer nachhaltigen Aufmerksamkeit könnte gemäß dem Spruch „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“, das Pflanzen eines Wildapfel sein. Auch wenn die Welt morgen sicher noch da sein wird.

 

(Andreas Grauer, Geschäftsführer, SDW-RLP)


Weitere Informationen:
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Landesverband Rheinland-Pfalz, Richard-Müller-Str.11, 67823 Obermoschel, Tel. 06362 / 56 44 45

 


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